„Gott wird uns nicht hinausstoßen“

Betrachtung zur Jahreslosung des anhaltischen Kirchenpräsidenten Joachim Liebig

Wie gerne hätte ich meinen Kindergottesdienst-Glauben behalten: der liebe Herr Jesus, der mild lächelnd alle Menschen zu sich ruft. Ganz falsch ist dieses Bild sicher nicht. Doch spätestens im Theologiestudium wurde die Vorstellung des Guten Hirten um andere Bilder erweitert. Die Jahreslosung für das Jahr 2022 ist eine solche Erweiterung. Auch wenn es scheint, als ginge es um die vielfach zitierte Willkommenskultur, ist der Zusammenhang des Jesus-Wortes ein völlig anderer. Die Jünger und das Volk wissen nicht, wo Jesus ist. Wie sich im Verlauf des sechsten Kapitels im Johannesevangelium zeigt, finden sie ihn in der Synagoge von Kapernaum.

Der Wortwechsel zwischen Jesus, dem Volk und den Jüngern – und seltsamerweise mischt sich das an dieser Stelle – ist von Missverständnissen, ja, Ärger und Murren geprägt. Es geht nämlich nicht um Willkommenskultur, sondern um nicht weniger als das ewige Heil. Es gibt nur einen Weg zum ewigen Heil, und der ist Jesus selbst. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als durch mich!“ sagt Jesus im Johannesevangelium an anderer Stelle.

Der Kern unseres Glaubens

Die Jahreslosung enthüllt damit den Kern unseres Glaubens. Die Menschwerdung Gottes ist nicht einfach eine familientaugliche Geschichte in winterlicher Jahreszeit. Vielmehr eröffnet Gott damit das Heil in der Ewigkeit bei ihm selbst. Anders als zuvor ist die Heilszusage nicht länger begrenzt auf ein auserwähltes Volk. ¬In Jesus Christus steht allen Menschen das Heil offen. Und darum stößt er niemanden hinaus – wie die Jahreslosung pointiert feststellt.

Allerdings geht ein Bekenntnis voraus. Wer zu Christus kommt, muss ihn als den Messias erkennen und um das Heil wissen, das allein in ihm ruht. Diese Gedankenverknüpfung ist Auslöser für zahllose theologische Argumentationen über 2000 Jahren. Ist es nicht bereits eine Gnade des Heiligen Geistes, Jesus als den Christus und Messias zu erkennen? Sind womöglich diejenigen, die das Heil in Christus erkennen, durch Gott vorherbestimmt? Auf welche Weise kann ich mich als Suchender auf den Weg zum Heil machen? Kann ich das Heil auch verpassen? Was wird mit denen, die nie von dieser Möglichkeit gehört haben?

Trennende Schärfe

Wer die Zusage Jesu isoliert verwendet, um sein kindlich geprägtes Gottesbild zu bestärken, wird daran vermutlich scheitern. Die trennende Schärfe, das Heil in Jesus Christus zu suchen und womöglich die gesamte Frage nach Heil und Ewigkeit für überflüssig zu erklären, wird damit missachtet. Es ist zu fragen, ob wir es uns als Kirche in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahrzehnten bisweilen zu leicht gemacht haben. Haben wir nicht mit unserem Predigen und Tun dazu beigetragen, die zentrale Lebensfrage nach dem Heil und der Ewigkeit in eine zwar wichtige, aber letztlich nicht heilsrelevante Willkommenskultur umzuformen? Es könnte sein, dass wir um der Konfliktfähigkeit der Glaubensbotschaft Willen versucht haben, diese Konflikte zu umgehen und doch lieber vom guten Hirten erzählt haben als vom Messias, dessen Wort ein zweischneidiges Schwert ist.

Die Sache Gottes fordert Entscheidung und Unterscheidung. Gerade das Johannesevangelium formuliert diesen Gedanken in besonders tiefer Weise. Es wäre eine Fehleinschätzung anzunehmen, Glaubenssätze, die am Ende die wichtigsten Fragen weder stellen noch beantworten wollen, die Menschen in Ratlosigkeit zurücklassen, seien besonders menschenfreundlich. Entscheidung und daraus erwachsende Konsequenz ist zu jeder Zeit gefragt. Im Unterschied zu entsetzlichen Phasen des Christentums, in denen die Konsequenz in Verfolgung und Unmenschlichkeit mündete, ist die eindeutige Botschaft des Evangeliums eine vollständig andere. Im Umfeld der Jahreslosung formuliert sie Jesus in gebotener Kürze: Wer glaubt, der hat das ewige Leben (Johannes 6, 47).

Von tiefer Überzeugung getragen

Als Glaubende reden wir also nicht von möglichen Einschätzungen oder denkbaren Optionen für einen Lebensentwurf, die auch ganz anders sein könnten. Als Glaubende sind wir ein Leben lang von tiefer Überzeugung getragen, die im Leben auch den Tod und die folgende Ewigkeit deutet. Wir sind gewiss, Gott wird uns nicht zurückweisen. Als Glaubende leben wir zugleich aus der uferlosen Barmherzigkeit Gottes, mit all unseren Zweifeln bei ihm aufgehoben zu sein. Als Glaubende wissen wir, Gott straft uns nicht – auch nicht durch Pandemien – sondern hat im Kreuz alle Strafen auf sich genommen.

In einer Welt großer Unsicherheit, die auch 2022 andauern wird, haben wir damit einen sicheren Boden, von dem aus wir die Welt nicht nur betrachten, sondern auch im Sinne Gottes menschenfreundlich gestalten können. Die daraus entstehende Zuversicht haben wir nicht nur bitter nötig, sondern können sie anderswo nicht finden. Gott wird uns nicht hinausstoßen, wann immer wir bei ihm Einlass begehren. Diese Erkenntnis geleite uns durch das kommende Jahr.

Lied zur Jahreslosung 2022
Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“
(Johannes 6,37)

Text (zu Johannes 6,37) und Musik: Gottfried Heinzmann, Hans-Joachim Eißler

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